Heiße Rhythmen in eisigen Höhen: Swiss Ice Fiddlers machen mit einem Konzert auf die bedrohte Gletscherlandschaft aufmerksam

 In Interviews

Die Bernina-Gletscherregion wird zur Bühne. Am Samstag, dem 13. Oktober 2018, machen 50 Studenten der International Fiddle School des dänischen Stargeigers Harald Haugaard unter der musikalischen Leitung von Antti Järvelä (Baltic Crossing, Finnland) und Kevin Henderson (Session A9, The Nordic Fiddler’s Bloc, Shetland) mit einem exklusiven Konzert auf die Bedrohung der Gletscherlandschaft aufmerksam. Die Musiker werden dabei Stücke präsentieren, die in der jährlich Anfang August im nordfriesischen Breklum stattfindenden Fiddle School erarbeitet werden.

Die Initiative zum einmaligen Projekt “Swiss Ice Fiddlers” ging von Felix Keller aus. Keller ist Glaziologe, Co-Leiter des Europäischen Tourismus-Instituts Schweiz der Academia Engiadina, passionierter Musiker und langjähriger Student von Haugaard’s Fiddle School. Wir haben ihm ein paar Fragen zum Konzert, zur Gletscherwanderung und zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscherlandschaft gestellt.

F: In den letzten Tagen ist ein ungewöhnlich langer, heißer und vor allem trockener Sommer zu Ende gegangen. Viele Menschen fragen sich, ob solche Anomalien Anzeichen des Klimawandels sind oder als “statistische Ausreißer” eben dazugehören. Über die Antwort wird in den Medien heftig gestritten. Was denkst du?
A: Wir hatten jetzt in den letzten Jahren so viele „Ausreißer“, dass es mir schwer fällt zu glauben, dies seien nur statistische Ausreißer. Wenn es nur statistische Ausreißer wären, müsste es auch solche in die andere Richtung geben. Dabei denke ich mir, dass unsere Kinder uns kaum fragen werden, ob wir das nicht gesehen haben – sondern viel mehr was wir dagegen unternommen und ob wir dabei auch an sie und ihre Zukunft gedacht haben.

F: Als Glaziologe erlebst du die Bernina-Gletscherlandschaft praktisch täglich – und somit auch ihren Wandel. Was hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre verändert? Sind die Gletscher in dieser Region in Gefahr, zu verschwinden?
A: In den letzten Jahren war ich Zeuge, wie unsere Gletscher buchstäblich zerfallen. Das heißt nicht nur, dass sie in der Länge schwinden und immer “kürzer” werden. Praktisch überall senkt sich auch die Eisoberfläche ab. Zwar werden in den nächsten 50 Jahren nicht alle Gletscher verschwinden, doch die heutigen Riesen werden zu kleinen Zwergen.

F: Wie wurde die Idee zum Projekt “Swiss Ice Fiddlers” geboren?
A: Sie ist in der Tat schon einige Jahre alt. Eine sehr gute Fiddler-Kollegin (übrigens heute auch eine begeisterte Teilnehmerin der Fiddles School) fragte mich bereits am 7. Juli 2005, als wir gemeinsam am Fuße des Piz Palü waren, ob ich nicht Lust auf eine neue Fiddler-Formation hätte. Im Wissen, dass Weltuntergangsszenarien uns überhaupt nicht motivieren, etwas für den Klimaschutz zu tun und gleichzeitig voller Begeisterung für die für mich damals neuen Tunes von Harald Haugaard, entstand unsere Vision, welche lustvoll mit folgendem Bild beschrieben werden kann: „Musik soll Herzen anstelle von Gletschern zum Schmelzen bringen“.

F: Wann kam dir die Idee zur Kooperation mit Haugaard’s Fiddle School?
A: Die Fiddle School von Harald ist für mich einzigartig. Über Harald wurde in der Fiddle School bekannt, dass wir ab und zu auch im Eis spielen. Das löste so viel Interesse aus, dass meine Lebenspartnerin Luzia und ich vor einem Jahr einen kleinen Ice Fiddler-Workshop gestalten durften. Die Offenheit der Fiddle School ist für mich menschlich gesehen sehr beeindruckend. So entstand diese buchstäblich coole Idee. Sie kam von einem Teilnehmer dieses Workshops.

F: Wie kann Musik oder Kultur im Allgemeinen helfen, auf ökologische und soziale Probleme aufmerksam zu machen, die uns letztlich alle betreffen?
A: Musik und Kultur sind grenzenlose Sprachen, die vieles ausdrücken können, was man vor allem mit dem Herzen verstehen kann. Oder anders formuliert, wenn wir die durch Kunst entstehende Lebensqualität erfahren, können wir auf viele vermeintliche Notwendigkeiten verzichten.

F: Für interessierte Zuhörer: Wie wird die Gletscherwanderung genau ablaufen? Ist der Ort des Konzerts für alle, die gerne kommen möchten, erreichbar, oder gibt es körperliche Mindestvoraussetzungen? Und was kostet die Teilnahme für Konzertgäste?
A: Wir haben drei Konzertorte, nämlich auf der Bergstation der Diavolezzabahn (2.920 m) bei Pontresina, auf dem Persgletscher unter dem Piz Palü und auf einer Wiese beim Bahnhof Morteratsch. Der erste und der letzte Ort sind für alle (auch Behinderte) erreichbar. Nach dem Konzert auf der wunderschönen Aussichtsterrasse auf der Diavolezza steigt das Publikum gemeinsam mit den Musikern unter der kundigen Leitung von Bergführern zum Gletscher ab. Nach dem Konzert steht eine dreieinhalbstündige faszinierende Gletscherwanderung über den Morteratschgletscher an. Es braucht dazu keine außerordentliche Trittsicherheit, doch etwas Training für den 9 km langen Abstieg mit einer Höhendifferenz von 1.000 Höhenmetern ist sicher empfehlenswert (Unser Tipp: täglich ein paar Treppenstufen hinunter hüpfen, das hilft mehr als man denkt). Der Konzertpass mit Bergbahn und Gletscherwanderung kostet Fr. 99.-, ohne Gletscherwanderung Fr. 44.-. Daneben gibt es eine attraktive Wochenendpauschale für Fr. 333.- mit Halbpension im Hotel Morteratsch, Lunchpaket und Konzertpass mit Gletscherwanderung.

F: Wird es in Zukunft mehr solche Veranstaltungen geben? Sind die “Swiss Ice Fiddlers” ein längerfristiges Projekt?
A: Ja, es ist mein Wunsch, dass wir mit solchen Veranstaltungen längerfristig einen Klimaschutztrend mit auslösen können, an dem wir zusammen richtig Freude bekommen können.

F: Wie sind Tourismus und Klima- bzw. Umweltschutz miteinander auszusöhnen? Wie sieht nachhaltiger Tourismus im Gletschergebiet aus, wie können Besucher die einzigartige Landschaft erleben, ohne ihr zu schaden?
A: Für mich ist es in erster Linie eine Frage des Respekts. Wenn wir den Gletscher so betreten wie unseren eigenen Garten, dann entsteht auch kein Schaden. Mit immatriellen Erlebnissen entstehen wesentlich weniger Schäden als mit baulichen touristischen Installationen.

F: Was sind für dich die wichtigsten Dinge, die in Sachen Klimaschutz erreicht werden müssen? Welche Maßnahmen müssen die Regierungen weltweit ergreifen, was kann und was muss jeder einzelne tun?
A: Für mich ist das Wichtigste, dass wir es wagen, Lebensqualität in unserer Gesellschaft neu zu definieren. Es geht uns dadurch, dass wir unsere Regierungen auffordern, das vorhandene Wissen in Taten umzusetzen, so viel besser. Ich bin der festen Überzeugung, dass genügend Handlungswissen vorliegt und es eher an der Handlungsmotivation mangelt. Lassen wir uns doch von der Musik motivieren. Sie ist eine Kraft, die stark genug ist, Berge zu versetzen.

Links:
Swiss Ice Fiddlers
Ice Stupa International
The Glacier Concert
Haugaard’s Fiddle School
Bergsteigerschule Pontresina
Ein Konzert für einen Gletscher aus GRHeute

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